Evangelische Kirchengemeinde Laufenburg
 
 

Das Portrait - Ella Baus
Ella BausElla Baus - aus Usbekistan

Die erste Anfrage nach einem Interview für diesen Gemeindebrief lehnte Ella Baus freundlich, aber bestimmt ab. Sie ist es nicht gewohnt, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Mit dem Zuspruch und der Unterstützung von Tochter Irina, die mit ihrer Familie im gleichen Haus wohnt, erzählte die heute 78-Jährige dann doch die Geschichte einer Familie, die als „Russlanddeutsche“ Anfang der Neunzigerjahre in Laufenburg ankamen. Da waren sie zu fünft: die Eltern mit zwei kleinen Töchtern (12 und fünf Jahre alt) und die 87-jährige Oma. Sie waren auf der Suche nach einer Wohnung, eine Familie unter ungezählt vielen anderen, die die Chance der endlich offenen Grenze nutzten. Sie verließen Usbekistan (Sibirien), wohin man sie „ausgesiedelt“ hatte, um nach Deutschland zu kommen. Zunächst waren sie in Offenburg untergebracht, wo Ella Baus in einem Behindertenheim sofort Arbeit fand. Allzu gerne wäre sie dort geblieben, „ich war so beliebt“. Aber die Reise musste auf Anordnung weitergehen bis nach Laufenburg, wo die Familie 1992  endgültig ihre Heimat fand.

„Einfach glücklich“ ist sie jetzt hier seit 23 Jahren, und das liegt nicht nur an ihrer schönen großen Wohnung. Grund ist vor allem die Nähe der evangelischen Kirche, wo sie regelmäßig den Gottesdienst besucht. Als ihr Platz dort leer blieb, mehrere Wochen lang im Winter, wussten alle ringsum: Die treue Kirchgängerin Ella Baus war sehr krank geworden.
In der alten Heimat gab es keine Kirchen, nur Moscheen, im Verborgenen trafen sich manche zu Gebetskreisen. Der ungehinderte, offene Umgang mit Kirche und Glaubensfragen in der neuen Umgebung veränderte das Leben der Protestantin: “Am Anfang habe ich nur geweint vor Glück.“ Und sie machte sich sofort an eine immense Aufgabe, die bis heute ihre Tage mitbestimmt: Zwar spricht sie fließend Deutsch, die nie vergessene Sprache ihrer Familie, während ringsum nur Russisch gesprochen wurde. Jetzt aber benötigt sie intensive Kenntnisse im Lesen, um endlich das Evangelium in der Luther-Bibel lesen zu können. Deshalb liegt immer neben der Bibel das große Wörterbuch Russisch ( in kyrillischer Schrift) - Deutsch.
Als „Wolga-Deutsche“ in Russland waren sie immer wieder „ausgesiedelt“, das bedeutete, aus ihren Wohnungen vertrieben worden - wie oft, das weiß Ella Baus nicht mehr. Die unvergessen schlimmste Vertreibung erlebte die Familie, als alle weg mussten aus Usbekistan, ihrer damaligen  Heimat „unserer kleinen Schweiz“, wo sie aufgewachsen war „mit meinen Schafen“.
Mehrfach waren sie wohnungslos, ja - obdachlos, zuletzt in Sibirien, wohin alle Wolga-Deutschen deportiert wurden nach 1940. Eine Unterkunft erhielten sie oft nur, weil die Oma (die Mutter von Ella) ihre sehr guten Kenntnisse im Nähen und Stricken anbieten konnte. Da fanden dann auch mal fünf Personen ein Dach über dem Kopf, denn inzwischen waren zwei kleine Töchter geboren. „Das Leben war eine einzige Reise durch dieses riesige Land.“
Eben diese Oma legte auch die Basis für die guten Deutsch-Kenntnisse der Familie. Hier wie im ganzen Dorf wurde Deutsch gesprochen: ein unschätzbar hohes Gut für die Zeit nach ihrer Auswanderung: „Nur so waren wir richtige Deutsche, nach dem vierten Paragrafen“, erinnert sich Ella Baus.
 Bereits in Sibirien arbeitete Tochter Irina als ausgebildete Erzieherin, betreute in den Achtziger Jahren dort rund 35 deutsche Kinder. Anfang der Neunziger Jahre, so erzählt sie, wurden es immer weniger: “Ganze Familien sind ausgewandert.“ Die Berufserfahrung erleichterte ihr - wie auch ihrer Schwester mit demselben Beruf - in Deutschland den Wiedereinstieg.
Nach 1956 entspannte sich die politische Situation, es begann das mühsame, am Ende aber glückliche Suchen und Finden der verstreuten Familienmitglieder. Für immer wieder andere Ämter mussten ungezählt viele Formulare ausgefüllt werden, mit dem positiven Nebeneffekt, dass der passive deutsche Wortschatz wiederbelebt wurde. 
Die größte Hürde war die endgültige Ausreise, mit so vielen Schwierigkeiten und Abenteuern, dass die Zeit knapp wird beim Erinnern und Erzählen: von der vielköpfigen Familie mit Kindern und Enkeln, der mittlerweile 88-jährigen Oma und Papieren, die nur scheinbar in Ordnung waren.
Für den glücklichen Ausgang des immensen Unternehmens hat Ella Baus die stets gleiche Erklärung: "Gott hat geholfen, er hat unsere vielen Gebete erhört."
Und immer wieder bekennt sie ihre tiefe Dankbarkeit für ihr heutiges Leben: mit der Familie und so nah an der Kirche, an den Gottesdiensten, „ich kann mich gar nicht sattfreuen“.                                                   

  -Gudrid Brauch-




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